ASIEN-Preprint: Die Gründe für die Rückkehr der Taliban an die Macht

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Vorabveröffentlichung aus ASIEN 160/161

Rubrik: Asien aktuell

Autor: Ratbil Shamel

Summary

On 15 August 2021, the Afghan government, supported by the international community, collapsed: President Ashraf Ghani fled to the United Arab Emirates and the Islamist Taliban militias seized Kabul, the capital of Afghanistan – without resistance. Throughout Afghanistan, helplessness and fear of an unpredictable future prevailed. Thousands of Afghans tried to leave the country in total panic, and even today, about six months later, many people feel forced to leave their homes. But how could it come to this? Why were the USA and its allies, who have been active in Afghanistan since the terrorist attacks of 11 September 2001 in both the military and civilian spheres, incapable of preventing the Taliban’s return to power? The US alone has spent over two trillion dollars in Afghanistan on the war against the Taliban and the reconstruction of the country. Why was an Islamist militia force able to defeat the world’s greatest power and its NATO allies? This article attempts to sketch answers to these questions.

Keywords

Afghanistan, Taliban, war on terror, invasion, 9/11, U.S. military, Ashraf Ghani, Hamid Karsai, Joe Biden

About the author

Ratbil Shamel (ratbil@gmx.de) ist Politik- und Islamwissenschaftler. Seit 1998 schreibt er für deutsche und afghanische Medien über die Lage in Afghanistan. Zusammen mit afghanischen Wissenschaftlern forscht er über die Geschichte des Landes. Er unterrichtet Sozialwissenschaften und Kommunikation an einem College für Gesundheitsberufe in Bonn.


Einleitung

Als ich im Sommer 2004 als Reporter nach Kabul kam, wurde ich von einer Journalistin des staatlichen Senders RTA zum Essen eingeladen. Die Stadt war zu diesem Zeitpunkt durch den Bürgerkrieg in den 90er Jahren noch halb zerstört. Einige wenige Restaurants waren für die ausländischen NGO-Mitarbeiter*innen aus dem Boden gestampft worden. Zarmina, so hieß die Journalistin, bestand darauf, die Rechnung zu bezahlen. Sie sagte: „Sie wissen gar nicht, was es für mich bedeutet, als Frau wieder arbeiten zu dürfen, in ein Restaurant zu gehen und mit meinem selbst verdienten Geld die Rechnung für mich und meinen Gast zu bezahlen.“ Wir sind, fügte sie mit Stolz hinzu, „in einem neuen Afghanistan, in einem viel besseren Afghanistan.“

Die USA hatten 2001 nach den Anschlägen vom 11. September der Schreckensherrschaft der Taliban ein schnelles Ende gesetzt und dem Land am Hindukusch eine neue Perspektive eröffnet. 2004 waren die meisten Menschen in Kabul bitterarm. Überall waren Folgen des Krieges gegen die sowjetische Besatzung (1979–1989) und des Bürgerkrieges (1989–2001) zu sehen. Dennoch waren die Menschen voller Hoffnung. Bei vielen Menschen, gerade bei der jungen Generation, war eine euphorische Stimmung zu beobachten. Sie waren fest davon überzeugt, dass die schreckliche Herrschaftszeit der Taliban endgültig vorbei wäre.

Jetzt, 20 Jahre später, sind die Taliban zurück, sie eroberten die Hauptstadt Kabul ohne Gegenwehr. Am 14.08.2021 verließ Ashraf Ghani, der von den USA unterstützte Präsident Afghanistans, fluchtartig das Land. Vier Tage später, am 18.08, veröffentlichte er auf seiner Facebook-Seite ein Video und erklärte, dass er „in die Vereinigten Arabischen Emirate geflüchtet ist, um ein weiteres Blutvergießen in Kabul zu verhindern“ (FAZ 19.08.2021).

Viele Menschen im Westen fragen sich, warum die US-Invasion in Afghanistan so kläglich gescheitert ist. Die Bilder, die sie im August 2021 aus Afghanistan in den Nachrichten sahen, machten sie fassungslos und betroffen zugleich. Nun kann man auf diese berechtigte Frage keine einfache Antwort geben. Die aktuelle Tragödie in Afghanistan hat viele Gründe. Eine sehr verkürzte Antwort kann lauten: Korrupte afghanische Machteliten und kurzsichtige, zynische Politiker aus den USA haben die afghanische und die eigene US-Bevölkerung betrogen. Das Ergebnis dieser Politik ist das, was wir zurzeit in den Nachrichten sehen. Eine etwas ausführlichere Antwort lautet wie folgt.

Hausgemachte Probleme

Verantwortungslose Machteliten, Warlordism und die Politisierung des Ethnischen

Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat. Der deutsche Ethnologe und Orientalist Erwin Orywal listet in seinem Werk „Die ethnischen Gruppen Afghanistans“ 28 verschiedene Völker in diesem Land auf (Orywal 1986: 18). Die Machteliten in Afghanistan, das sind zurzeit vor allem Warlords (Schetter 2004: 12–13), möchten aber diese Tatsache nicht akzeptieren – auch nach über 40 Jahren Krieg und Bürgerkrieg nicht.[1]

Warlords, die in den 80er und 90er Jahren durch die Bürgerkriegsökonomie reich und mächtig geworden sind, befürchten starke staatliche Strukturen. Frieden und eine handlungsfähige Regierung, die Sicherheit geben kann und sich für die Belange aller Bürger*innen des Landes einsetzt, sind nicht im Interesse der Warlords.[2] Demokratie, Menschenrechte, Gleichberechtigung und Rechtsstaatlichkeit wurden von den mächtigen Kriegsfürsten zu keiner Zeit ernsthaft in Betracht gezogen. Die Hauptziele dieser Eliten lauten: Machtübernahme und Unterwerfung anderer Volksgruppen. Eine fragmentierte, zutiefst gespaltene Gesellschaft nehmen sie gern in Kauf. Mal spielen sie die ethnische Karte, mal die religiöse, und meist, wie im Falle der Taliban, beide aus.

Vor diesem Hintergrund wurden in den letzten Jahren die Volksgruppen von allen Seiten gegeneinander aufgehetzt, statt ihre Gemeinsamkeiten in den Vordergrund zu stellen: Satar Sahadat, ein enger Vertrauter des ehemaligen afghanischen Präsidenten Hamid Karsai, stellte in einem Fernsehinterview mit dem Sender Tolo-TV im Jahr 2017 die Behauptung auf, dass

die nicht-pashtunischen Völker Afghanistans alle aus anderen Ländern in das Land der Pashtunen eingewandert sind. Diese nicht-pashtunischen Völker dürfen sich nicht in Regierungsangelegenheiten einmischen. Nur Pashtunen sind die echten Afghanen, nur sie dürfen über das Schicksal des Landes bestimmen. (Herawi 2017; übersetzt aus dem Persischen vom Verfasser)

Ähnliche Äußerungen kamen auch stets vom Parlamentsabgeordneten Hamid Lali. Präsident Aschraf Ghani spielte selbst die ethnische Karte und beklagte sich in einem Interview mit dem afghanischen Sender 1TV vor seiner umstrittenen Wahl zum Präsidenten im Jahr 2013, die Pashtunen im Land wären um ihre Rechte betrogen worden und im Militärgefängnis in Bagram seien zu 98 Prozent Pashtunen inhaftiert. Von den nächtlichen Militäraktionen wären hauptsächlich Pashtunen betroffen gewesen (1TV 2013). Er präsentierte sich als Retter der Pashtunen in Afghanistan und nahm eine weitere Verschärfung der ethnischen Spannungen im Land billigend in Kauf.

Andere Volksgruppierungen lehnen diese Sicht der Dinge ab. Sie beklagen ihrerseits, in ihrem eigenen Land von Pashtunen unterdrückt und versklavt worden zu sein. Sie betrachten sich jeweils selbst als größte Volksgruppe im Land und beanspruchen die Macht für sich.

Zaher Ahmadi rief am 09. Mai 2021 in einem Aufsatz im Online-Magazin Kabulpress.org unter dem Titel: „Die pashtunischen Herrscher haben stets die nicht-pashtunischen Völker ausgebeutet“ zum bewaffneten Kampf gegen die pashtunischen Aggressoren auf:

Täglich werden hunderte Menschen, die nicht zu den Pashtunen gehören, in verschiedenen Ecken des Landes, in ihren Häusern, in den Krankenhäusern, in den Universitäten oder Schulen wie die Lämmer geschlachtet. Verantwortlich für diese Verbrechen sind die faschistische Regierung der Pashtunen in Kabul und ihre Verbündeten, die sich Taliban nennen. … Die nicht-pashtunischen Völker Afghanistans müssen eine starke Front gegen alle feindlichen pashtunischen Stämme, die die Macht nur für sich beanspruchen, bilden. Die Nicht-Pashtunen müssen so schnell wie möglich militärisch aktiv werden, um sich gegen die Taliban und die Faschisten in der Kabuler Regierung zur Wehr setzen zu können und ihre Gebiete von diesen feindlichen Elementen zu befreien. (Ahmadi 2021; übersetzt aus dem Persischen vom Verfasser)

In einem ausführlichen Artikel, der im Jahr 2011 im Internetmagazin „khorasan zameen“ veröffentlicht wurde, behauptete der Autor, dass die pashtunischen Stämme erst im 18. Jahrhundert im Gebiet des heutigen Afghanistans eingedrungen wären.

Diese pashtunischen Stämme waren den uralten Völkern von ‚khorasan‘ kulturell weit unterlegen. Sie ergriffen die Macht und bereiteten aufgrund ihrer primitiven Entwicklung, anderen Völkern in allen Bereichen der Gesellschaft große Probleme. (Moradi 2011; übersetzt aus dem Persischen vom Verfasser)

Die Politisierung des Ethnischen und die Ethnisierung des Politischen nahmen in Afghanistan zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Anfang. Die Idee, dass eine Ethnie naturgegeben die bessere und edlere und dadurch zum Herrschen bestimmt sei, entwickelte sich in dieser Zeit offiziell zur Staatsideologie.

Die staatliche Publikation „saraj-ul-akhbar“ veröffentlichte im Jahr 1912 einen Artikel mit der Überschrift „Alle Sprachen stammen von der afghanischen (Pashto­) Sprache ab“. In diesem Aufsatz behauptete der Autor Mahmud Tarzi, Chefredakteur des Blattes, ohne Beweise vorzulegen, dass das Hindukusch-Gebirge in Afghanistan die Urheimat aller arischen Völker sei. Alle arischen Völker hätten nach und nach ihr Mutterland verlassen, nur die Afghanen (Pashtunen) seien in ihrer ursprünglichen Heimat geblieben. Tarzi fasst seine Ausführungen folgendermaßen zusammen:

Falls wir den wissenschaftlichen Tatsachen Glauben schenken sollten, so kämen wir unweigerlich zum folgenden Ergebnis: Die Urheimat aller arischen Völker ist die Umgebung um das Hindukusch-Gebirge. Da dieses Gebirge mit all seiner Pracht Zeugnis davon ablegt, dass es in Afghanistan liegt, gibt es keinerlei Zweifel mehr, dass der Ursprung der Arier eben in Afghanistan liegt. Vor diesem Hintergrund sind die Afghanen (Pashtunen) die echten Vorfahren aller arischen Völker. Die wenigen Menschen, die ihre ursprüngliche Heimat nie verlassen haben, gehören dem afghanischen (pashtunischen) Stamm an. Dieser Stamm hat von damals bis heute seine Identität und Sprache beschützt […]. Und wenn wir die Redensart und Gesetzmäßigkeiten der afghanischen Sprache unter die Lupe nehmen sollten, so würden wir feststellen, dass sie eine sehr einfache und rudimentäre Sprache ist. Diese Sprache können wir als Vorläuferin anderer Sprachen bezeichnen. Es wäre nicht falsch, wenn wir sie als die Mutter aller anderen Sprachen bezeichnen würden. (Tarzi 1912; übersetzt aus dem Persischen vom Verfasser)

Mit diesen Behauptungen stellte Tarzi, der später zum Außenminister Afghanistans ernannt wurde, die politische Vision der damaligen afghanischen Regierung vor: ein pashtunischer Staat, in dem nur Pashto gesprochen wird. Dass Mahmud Tarzi, Chefideologe der Regierung, einen rein pashtunischen Nationalismus in einem Vielvölkerstaat etablieren wollte, hatte viel mit seiner eigenen Biografie zu tun. Tarzi wuchs in Damaskus, im osmanischen Reich, auf, wohin seine Familie für einige Zeit verbannt worden war. Er kehrte erst 1902 nach Kabul zurück. Innerhalb von zehn Jahren heirateten zwei Söhne des Emirs, Habibullah Khan, zwei seiner Töchter. Vor diesem Hintergrund war Tarzi in kurzer Zeit von einem Exilanten zum einflussreichsten Mann des Landes geworden (Farhadi 1976: 21). Sein Schwiegersohn Amanullah wurde 1919 durch eine Palastrevolte zum neuen König Afghanistans und trotzte den Engländern die Unabhängigkeit Afghanistans für 10 Jahre ab.[3]

Der afghanische Historiker Seddiq Farhang schreibt zum Einfluss des Exils auf Mahmud Tarzi: „Mahmud Tarzi […] ist im osmanischen Reich groß geworden und war ein Anhänger der Bewegung der ‚Jungtürken‘ vor allem einer Partei, die sich ‚Das Komitee für Einheit und Fortschritt‘ nannte“ (Farhang 1988: 309). Das sogenannte „Komitee für Einheit und Fortschritt“ war ein Sammelbecken für extrem nationalistisch denkende türkische Politiker (Alkan 2014). Sie hatten das Ziel, einen rein türkischen Staat zu gründen, in dem nur türkisch gesprochen würde. Zutiefst beeinflusst von diesen Ideen, wollte Tarzi einen rein pashtunischen Staat gründen, in dem nur Paschto gesprochen würde. „Unsere Bildungsinstitute müssen eine einzige Aufgabe haben, und zwar das Lehren der afghanischen (Pashto-) Sprache“, schrieb er 1915. Persisch, das im Norden des heutigen Afghanistans, in der historischen Stadt Balkh entstanden war und die lingua franca des Landes bildete, zählte er zu den Fremdsprachen.[4]

Tarzi konnte seine Pläne nicht ganz durchsetzen, da keiner Regierung in Afghanistan ein langes Leben beschert war. Er musste nach Unruhen 1929 das Land verlassen und starb im Exil in Istanbul. Nadir Shah, ein ehemaliger Armeegeneral, bestieg 1930 mithilfe der Briten den Thron von Kabul. Der neue König wollte Tarzi zwar nicht im Land haben, doch seine extrem nationalistischen Ideen fand er zur Legitimierung seines Machtanspruches sehr brauchbar.

Tarzis Forderung nach einer einheitlichen Nationalsprache lebte Ende der 1930er Jahre wieder auf, als entsprechend dem Zeitgeist afghanische Intellektuelle sowie Angehörige des afghanischen Regierungsapparats verstärkt bemüht waren, einen afghanischen Nationalismus inhaltlich auszufüllen. (Schetter 2003: 238)

Die Idee, dass die Pashtunen Vorfahren aller arischen Stämme seien, wurde wieder beliebt. Ein pashtunisch-arischer Nationalismus wurde zur neuen Vision der Machthaber in Kabul. Um dieser Vision historische Legitimität zu verschaffen, wurden einige Autoren vom Staat beauftragt, „das neuzeitliche Konstrukt Afghanistan mit einer Nationalgeschichte zu versehen, die bis in graue Vorzeiten zurückreichte“ (Schetter 2003: 258).

Im Zuge dieser Politik machte sich der afghanische Staat Ende der 40er Jahre unaufgefordert zum Anwalt jener pashtunischen Stämme, die nun im Gebiet des neugegründeten Staates Pakistan[5] lebten. Kabul stellte sich gegen eine Aufnahme Pakistans in die UNO und lehnte es ab, die Grenze zu dem neuen Nachbarstaat, die sogenannte Durand-Linie, anzuerkennen. Die völkerrechtlich umstrittene Durand-Linie wurde im 19. Jahrhundert von den Briten als Grenze zwischen Afghanistan und Indien festgelegt. Durch diese Grenzziehung wurden die Siedlungsgebiete der Pashtunen willkürlich geteilt (Grötzbach 1990: 10). Der damalige afghanische Ministerpräsident Daud Khan erklärte die Lösung der sogenannten Pashtunistanfrage zum wichtigsten innen- und außenpolitischen Thema seiner Regierung (Burkhardt 1989). Er unterstütze nationalistische pashtunische Kreise in den Stammesgebieten, die sich gegen Islamabad stellten. Zudem suchte Kabul enge Beziehungen zu Indien, was in Delhi, um Pakistan unter Druck zu setzen, sehr gern angenommen wurde. Aufgrund dieser kurzsichtigen und ethnisch motivierten Außenpolitik Kabuls wurde Afghanistan zum Schauplatz des Kampfes zwischen Indien und Pakistan. Und noch schlimmer: Da zu diesem Zeitpunkt der Kalte Krieg tobte, schlug sich Moskau auf die Seite von Kabul und die USA hielten zu Pakistan. Afghanistan war nun endgültig zum Spielball der Weltmächte geworden (Ahang 2020: 222–230).

Als Ostpakistan 1971 sich für unabhängig erklärte und der Staat Bangladesch gegründet wurde, fürchtete Islamabad eine ähnliche Entwicklung an seinen Grenzgebieten zu Afghanistan. Eine Furcht, die bis heute existiert. Britta Petersen von der Heinrich-Böll-Stiftung, Büroleitung Pakistan, konstatierte 2011 in einem Bericht: „In der Tat ist Pakistans Politik seit seiner Gründung von der Sorge bestimmt, dass sich Afghanistans und Pakistans Paschtunen zu einem ‚Paschtunistan‘ zusammenschließen könnten und damit Pakistans staatlichen Zerfall besiegeln würden (Petersen 2011).“

Pakistan – das Land verdankte seine Existenz dem Islam als Staatsideologie – war jede nationalistische Bewegung in seinem Hoheitsgebiet ein Dorn im Auge. Islamabad begann als Reaktion auf Kabuls Einmischungen, fundamentalistische Kreise in Afghanistan zu unterstützen. Pakistans Ziel war und ist es immer noch, eine Regierung in Kabul zu installieren, die sich von Islamabad lenken lässt und nicht mit Indien paktiert: Zu diesem Ergebnis kam eine Studie, die das regierungsnahe Jinnah Institute in Zusammenarbeit mit dem United States Institute of Peace Ende August 2011 in Islamabad vorgestellt hatte (Petersen 2011).

Als Ende 1979 die Rote Armee nach Kabul marschierte, drehte sich das Blatt zu Gunsten Pakistans: Islamabad bekam Milliardenunterstützung aus dem Westen, um den Jihad gegen die „ungläubigen Kommunisten“ in Afghanistan zu organisieren. Pakistan sammelte tausende von afghanischen Kämpfern in seinen Grenzgebieten, bildete sie aus und schickte sie in den heiligen Krieg gegen die Russen nach Afghanistan. Die Taliban-Bewegung ist auch auf diesem Wege entstanden. Nun haben die Taliban die Macht in Kabul erneut erobert und es scheint, dass Islamabads Traum von der Kontrolle über Afghanistan endlich wahr werden könnte.

Doch zurück zur Ethnisierung der afghanischen Staatsideologie: Das Ergebnis dieser ethnisch motivierten Politik war, dass die Risse zwischen den verschiedenen Volksgruppen im Land größer wurden. Die nicht-pashtunischen Volksgruppen des Landes fühlten sich extrem benachteiligt und betrachteten den Staat als Fremdkörper in ihrem eigenen Land. Der afghanische Publizist Hamzeh Waezi resümierte:

Die afghanische Geschichte kennt keine Episode, in der die Bewohner*innen des Landes den gleichen und gerechten Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung, wirtschaftlichem Wohlstand oder zu Regierungsposten gehabt hätten. Auch gibt es keine Regierung, die versucht hätte, sich dieser Herausforderung zu stellen. Das Ergebnis ist eine fragmentierte Gesellschaft, eine Gesellschaft, die weit von nationaler Einheit entfernt ist. (Waezi 2002: 124; übersetzt aus dem Persischen vom Verfasser).

Die politische Unkultur des Landes

Ahmad Khan Abdali (Durrani) war ein fähiger Offizier in der Armee des persischen Herrschers Nader Shah und befehligte eine Truppe von rund 4000 Abdali-Pashtunen. Nader Shah wurde 1747 ermordet. „Die Ermordung war kaum geschehen, als die afghanische Spezialwache unter Ahmad Khan sich sammelte, alle im Tross des Königs verfügbare Habe an sich nahm und das Lager in Richtung Kandahar verließ“ (Grevemeyer 1990: 24). Dort ließ er sich zum König krönen.

In fast 25jährigen Auseinandersetzungen mit den benachbarten Reichen, die sich nach dem Tode Naders formiert hatten, gelang es ihm, ein Großreich zu errichten, das von Delhi im Osten bis Mashhad im Westen und von Amu-Darya im Norden bis zum Arabischen Meer im Süden reichte. (Grevemeyer 1990: 24)

Als der Gründer des Durranidenreiches 1772 starb, begann ein erbitterter Machtkampf unter seinen vielen Söhnen und der Zerfall seines Imperiums. Shah Shoj´a, ein Enkel des Reichsgründers, wurde 1809 von seinen Brüdern vom Thron gestürzt. Er floh, tat aber alles, um die Krone von Kabul zurückzuerobern. Zuletzt bat er die britische Armee in Indien um Unterstützung. Die britische Regierung in Delhi nahm ihn mit offenen Armen auf; ein Verbündeter in Kabul erschien den Briten als vorteilhaft. London war wegen des Vormarsches der Russen in Zentralasien stark beunruhigt. Es bestand die Gefahr, dass die Russen über Kabul nach Indien vorrücken würden. The Great Game zwischen Russland und Großbritannien um die Vorherrschaft in Zentral- und Südasien hatte begonnen. Ein Spiel um Macht, Einfluss und Rohstoffe, das bis heute nicht beendet ist – es sind nur neue Akteure hinzugekommen.

Shah Shoj´a wurde 1838 mithilfe der britischen Armee zurück auf den Thron von Kabul gesetzt, konnte seine Regentschaft aber nicht lange genießen: Er wurde wenige Jahre später durch einen Volksaufstand ermordet. Der Kampf um den Thron von Kabul entfachte von neuem. Die vielen Prinzen, die Anspruch auf den Thron erhoben, waren nicht stark genug, um aus eigener Kraft die Machtkämpfe für sich zu entscheiden. Sie wussten aber jetzt, dass die Briten in Indien denjenigen auf den Thron von Kabul sehen wollten, der sich auf einen Deal mit Delhi einlassen würde, und baten die britische Regierung in Indien um Unterstützung. Wer die Unterstützung bekam, stieg in der Regel zum Emir von Kabul auf. Vor diesem Hintergrund konnten die Briten immer mehr Einfluss im Restgebiet des Durranidenreiches erringen und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sogar seine Grenzen eigenmächtig durch die sogenannte Durand-Linie festlegen:

Die gesamte Grenzfestlegung bestimmten die Kolonialmächte. […] Das Staatsterritorium Afghanistans ist daher ein Produkt der Kolonialpolitik par excellence […] das Territorium, das nun den Staat Afghanistan ausmachte, verfügte in dieser Form kaum über historische Wurzeln. Es bildete ein Konglomerat aus zahlreichen sich in Gesellschaft- und Herrschaftsstrukturen unterscheidenden Segmenten. (Schetter 2003: 219)

Den Machteliten des Landes waren derlei Probleme nicht wichtig. Sie kämpften für ihre eigenen Ziele und hatten gelernt, dass nicht die Unterstützung durch die eigene Bevölkerung für die Machterlangung und den Machterhalt ausschlaggebend war, sondern die tatkräftige Unterstützung aus dem Ausland.

In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts bestimmte die Sowjetunion, wer in Kabul das Sagen hatte. Hamid Karsai übernahm 2001 mithilfe der US-Truppen die Macht. Und aktuell ist Pakistan als Verbündeter der USA tonangebend in Afghanistan und Hauptsponsor der Taliban. Die Loyalität vieler Stammesführer und Warlords in Afghanistan gilt nicht dem eigenen Volk, sondern ihren ausländischen Unterstützern, die mit enormen Summen in Afghanistan agieren. Schetter konstatiert, dass der Verkauf von Loyalitäten unter den afghanischen Stämmen eine lange Tradition besitze (Schetter 2003: 265). Das Ergebnis dieses Handelns ist das, was seit August 2021 in den Nachrichten gezeigt wird: ein zerstörtes, zerstrittenes, verarmtes Land, das einer dunklen Zukunft unter islamistischer Herrschaft entgegen blickt.

Klientelsystem

Die wichtigsten Regierungsposten mit der eigenen Klientel zu besetzen, hat in Afghanistan eine sehr lange, bis heute ungebrochene Tradition. Emir Abdur Rahman, der 1880 nach dem zweiten anglo-afghanischen Krieg mithilfe der Briten die Macht in Kabul übernahm, ging sogar einen Schritt weiter. Er veranlasste, dass jedes männliche und weibliche Mitglied seines pashtunischen Mohammadzai-Klans ein festes Gehalt aus dem Staatsbudget erhielt (Farhang 1988: 281). Nicht die berufliche Qualifikation war für die Aufnahme in der Führungsregie der Regierung ausschlaggebend, sondern der Grad der Ergebenheit, die familiäre und ethnische Zugehörigkeit. Nach denselben Kriterien wählen auch heute die Mächtigen in Afghanistan ihre engsten Mitarbeiter aus.

Als der Nordallianz im Jahr 2002 mehrere Ministerien in der neu gegründeten Regierung zuteilwurden, wurden in diesen Behörden ausschließlich Tadschiken beschäftigt, bevorzugt aus dem Panjschirtal, einer Gegend nahe Kabul, aus der die meisten Führer der Nordallianz stammten (Schetter 2003: 585). Ähnlich wurde auch in den anderen Ministerien verfahren, auch Präsident Karsai und Präsident Ghani trauten nur ihrer eigenen Klientel.

Die Offiziere der Polizei und Armee wurden ebenfalls nicht nach ihren Qualifikationen, sondern nach ethnischer Zugehörigkeit und dem Grad ihrer Treue zu bestimmten Warlords ausgewählt:

Wesentliches Problem ist jedoch, dass viele staatliche Militär‐ und Polizeieinheiten mit Milizen identisch sind: Wichtige Kriegsfürsten wie Rashid Dostum, Ismail Khan oder Gul Agha Shirzai sitzen in der Commission of the Afghan National Army, und viele ihrer Milizen genießen einen offiziellen Status Daher sind viele Soldaten oder Polizisten nur ihren anführenden Warlords gegenüber loyal. (Schetter 2004: 13–14)

Dies war mit der Grund, warum Armee und Polizei kaum Widerstand gegen die Taliban leisteten, als diese am 14. August die Hauptstadt eroberten.

Das Ergebnis dieses Klientelsystems: Ein kaum funktionierender Staats- und Regierungsapparat. Aktuell zählt Afghanistan laut Transparency International zu den korruptesten Staaten der Welt (CPI 2020).[6] Trotz der Milliardenhilfen, die für den Wiederaufbau des Landes bereitgestellt wurden, ist Afghanistan nach wie vor ein sehr armes Land.

Die renommierte afghanische Tageszeitung 8Sobh (8 am) kritisierte im Jahr 2015 die Planlosigkeit des afghanischen Staates:

In Afghanistan werden täglich neue Behörden geschaffen, die viel Geld kosten. Auf der anderen Seite zeigt die Regierung kein Interesse daran, die eigenen Gesetze ernst zu nehmen und für durchdachtes Regieren zu sorgen. (ashte sobh 2015; übersetzt aus dem Persischen vom Verfasser)

Externe Gründe

Afghanistan ist ein Binnenland, das an Pakistan, Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und im äußersten Nordosten China grenzt. Das Land am Hindukusch ist umgeben von vier Atommächten: China, Russland, Indien und Pakistan, die alle die Vorherrschaft in der Region anstreben. Regionalmächte wie der schiitische Iran und das wahhabitische Saudi-Arabien rivalisieren ebenfalls um Einfluss auf die zu 99 Prozent muslimische Bevölkerung des Landes. Zudem ist Afghanistan ein Land mit riesigen Rohstoffvorkommen im Wert von mehreren Billionen US-Dollar (Demircan; Brüggmann 2021) und bildet das Tor zu den Öl- und Gasquellen Zentralasiens.

Mit anderen Worten: Afghanistan ist für die Atom- und Regionalmächte der Region von großer geostrategischer Bedeutung. Jan Koehler stellte in einem Beitrag für das Bundeszentrale für politische Bildung fest:

Die Konfliktdynamiken in und um Afghanistan werden stark von den geostrategischen und wirtschaftlichen Interessen der Nachbarländer beeinflusst. Diese gehen teilweise auf weit in die Geschichte zurückreichende Beziehungen und Erfahrungen zurück. (Koehler 2018)

Für die USA spielte Afghanistan bis zum Einmarsch der Roten Armee Ende 1979 praktisch keine Rolle. Erst in den 80er Jahren entwickelte Washington eine aktive Afghanistanpolitik, die wiederum an Bedeutung verlor, als die Russen sich 1989 zurückzogen. Durch die Anschläge vom 11. September rückte Afghanistan wieder in den Fokus der US-Außenpolitik (Voje 2014: 290–306). Osama Bin Laden und andere Führer der Terrororganisation Al-Qaida befanden sich in Afghanistan und wurden vom Taliban-Regime unterstützt. Für die USA stand fest, dass Al-Qaida hinter den Anschlägen vom 11. September steckte. Die Taliban weigerten sich aber, Bin Laden an die USA auszuliefern. Washington erklärte dem islamistischen Regime den Krieg und beseitigte es innerhalb weniger Wochen.

Die USA machten der afghanischen Bevölkerung nach dem Sieg über die Taliban große Versprechungen. So erklärte zum Beispiel Präsident George W. Bush in einer Rede 2002, Washington habe den Anspruch, in diesem neuen Konflikt nicht nur den Terrorismus zu bekämpfen, sondern zugleich Freiheit und Demokratie in die Welt zu tragen: „America will lead by defending liberty and justice because they are right and true and unchanging for all people everywhere“ (zit. nach Voje 2014: 232).

Vor diesem Hintergrund wurde die neue afghanische Regierung unter der Regie der USA in Petersberg bei Bonn aus der Taufe gehoben. Doch der neuen Regierung fehlte es an Sicherheitskräften und erfahrenem Personal. Vor diesem Hintergrund beschloss die UNO in der Resolution 1386 die Entsendung der International Security Assistance Force (ISAF) für Afghanistan. Der Hauptauftrag von ISAF lautete: Die Regierung in Kabul sowie das zivile Personal der Vereinten Nationen zu schützen. Den Wiederaufbau des Landes sollte „United Nations Assistance Mission to Afghanistan“ (UNAMA) voranbringen (Voje 2014: 229).

Doch nicht demokratische und moderate Kräfte hatten die Unterstützung Washingtons, sondern Warlords, die von den USA in den 80er Jahren bewaffnet worden waren, um gegen die Rote Armee in Afghanistan einen „heiligen Krieg“ zu führen (Ruttig 2021). Konrad Schetter konstatierte, „die USA rüsteten etwa im Kampf gegen die Taliban viele Milizen hoch und brachten alt gediente Kriegsfürsten zurück in den Sattel der Macht“ (Schetter 2004: 19). Dabei sei erwähnt, dass dieselben Warlords in 80er Jahren von den westlichen Medien romantisch verklärt „Freiheitskämpfer“ genannt wurden (Weisflog 2016).

Die Bush-Regierung sah nach dem Sieg über die Taliban ihre Mission in Afghanistan eigentlich als beendet an:

Nach dem Sturz des Taliban-Regimes stand für den Präsidenten fest, dass die USA keine Wiederaufbauarbeit am Hindukusch leisten wollten und nicht planten, längerfristig in der Region zu bleiben. Die Bush-Doktrin verdeutlichte dies mit ihrem globalen Ansatz der Terrorismusbekämpfung, der Afghanistan nur als einen kleinen Teil der Gesamtstrategie sah. (Voje 2014: 245)

Aus diesem Grund wollte Washington einerseits sehr schnell Afghanistan zu einer neuen, zumindest formal demokratischen Regierung verhelfen und auf der anderen Seite zeigen, dass militärische Intervention ein adäquates Mittel zur Lösung von komplexen Krisen sein kann. „Der US-Historiker John Lewis Gaddis beschreibt den Kern der Bush-Doktrin als ‚Fukuyama plus force‘ – der Verknüpfung der Frieden schaffenden Wirkung des Demokratieexports mit dem Einsatz militärischen Nachdrucks“ (Voje 2014: 240).

Den Warlords, die bereit waren, mit den USA zusammenzuarbeiten, gab Washington einige in den USA ausgebildeten und dort seit Jahrzehnten lebenden Afghanen, wie den letzten afghanischen Präsidenten Ghani, zur Seite, um der afghanischen Regierung ein zivilisiertes Gesicht zu geben (Schetter 2003: 579). Eine Gesamtstrategie für den Wiederaufbau der Wirtschaft, die innerafghanische Versöhnung, den Ausbau der Rechtsstaatlichkeit oder die Bekämpfung der Korruption gab es nicht.

Wahlen, ein Parlament, Schulbildung auch für Mädchen wurden Dank enormer Hilfsgelder finanziert. Das triste, zerstörte und traurige Gesicht Afghanistans sollte sich schnell zu einem besseren ändern. Bilder von einem offenen Afghanistan gingen rasch um die Welt. Doch alle Strukturen, die in Afghanistan aufgebaut worden waren, waren nicht auf Dauer angelegt, wie die aktuellen Fernsehbilder belegen.

Dennoch schöpften viele Menschen, nachdem der Barbarei der Taliban im Jahre 2001 ein Ende gesetzt worden war, Hoffnung. Die Afghanen waren viel zu kriegsgeschädigt, um zu begreifen, dass keine ausländische Macht ohne eigene Interessen in ein fremdes Land einmarschiert. Entweder schaffen es die Menschen selbst, ihr Land aufzubauen, oder gar nicht. Aber bittere Armut ist ein gefährliches Betäubungsmittel. Hilfsorganisationen brachten Unmengen von Geldern mit ins Land. Man konnte wieder frei leben und von einer besseren Zukunft in Frieden und Wohlstand träumen. Doch die Wünsche der Menschen wurden von der eigenen Regierung nicht ernst genommen. Sie wurden wieder einmal betrogen.

Vor diesem Hintergrund konnte der Wiederaufbau natürlich nicht gelingen. Afghanistan ist nach wie vor ein Land, das ohne Hilfsgelder nicht einmal die Gehälter der eigenen Streitkräfte bezahlen kann. Eine produzierende Wirtschaft wurde nicht aufgebaut. Die heimische Landwirtschaft, die Arbeitsplätze hätte schaffen können, wurde nicht ernsthaft unterstützt. Dafür feierte aber die Drogenmafia in Afghanistan, unter den Augen der NATO-Truppen, große Erfolge.

Drogen seien der größte Wirtschaftszweig des Landes außer dem Krieg, sagt Barnett Rubin, ein ehemaliger Berater des US-Außenministeriums für Afghanistan. Die Vereinten Nationen schätzen, dass die Taliban zwischen 2018 und 2019 mehr als 400 Millionen Dollar mit dem Drogenhandel verdient haben. In einem Bericht des US-Sondergeneralinspektors für Afghanistan (SIGAR) vom vergangenen Mai wird ein US-Beamter zitiert, dem zufolge die Taliban bis zu 60 Prozent ihrer Jahreseinnahmen aus Anbau und Handel mit Drogen beziehen […]. Das geschätzte Rekordhoch der Opium-Produktion wurde 2017 mit 9900 Tonnen erzielt. Das spülte den Landwirten rund 1,4 Milliarden Dollar Umsatz in die Kassen, berichtet das UNODC. Das entspricht etwa sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) des Landes. Werden noch der Export und importierte Chemikalien hinzugerechnet, dürfte die gesamte illegale Opiatwirtschaft in diesem Jahr bis zu 6,6 Milliarden Dollar ausmachen. (WiWo 2021)

Die Rechnung der USA, sich schnell aus Afghanistan zurückziehen zu können, ging nicht auf. Die Bush-Regierung hatte offenbar damit nicht gerechnet, dass die Taliban wieder erstarken und den Kampf gegen die neue Regierung in Kabul aufnehmen würden. Washington hatte, wie es aussieht, die besondere geostrategische Bedeutung Afghanistans für die Groß- und Regionalmächte in der Region nicht berücksichtigt. Russland, China, Iran, Pakistan und die zentralistischen Staaten sahen ihre Interessen in Afghanistan durch eine von den USA installierte Regierung bedroht. „Was für die Region einem ‚geostrategischen Erdbeben‘ gleichkam, war für Washington somit nur ein Mittel zum Zweck im globalen Kampf gegen Terrorismus“ (Voje 2014: 248).

Schluss

Die Lage in Afghanistan wurde im Laufe der letzten 20 Jahre immer prekärer. Die USA wollten aber an diesem Zustand offenbar nichts mehr ändern. Washington entschied sich für einen Rückzug, ohne für klare Verhältnisse zu sorgen. Die Taliban kehrten zurück und dürfen das Land weiter terrorisieren. Das heißt: in den letzten 20 Jahren kamen in Afghanistan mehr als 3800 ausländische Soldatinnen und Soldaten (59 aus Deutschland) ums Leben. Außerdem etliche Entwicklungshelfer*innen und Journalisten*innen. Auf der afghanischen Seite ist die echte Zahl der Opfer nicht einmal beziffert. Schätzungsweise sind mehr als 110 000 Menschen (Zivilisten und Sicherheitskräfte) getötet worden. Viele Tausende Afghanen haben das Land verlassen müssen (Wenger u.a. 2021).

Die Kosten des Afghanistan-Einsatzes werden laut Watson Institut für Internationale Studien der Brown University allein durch die USA auf rund zwei Billionen Dollar geschätzt Tendenz steigend (Brown University 2021). Die Bundesrepublik Deutschland hat laut Bundesverteidigungsministerium über 12 Milliarden Euro Steuergelder allein für den Bundeswehreinsatz in Afghanistan ausgegeben (ARD-Hauptstadtstudio 2021).

Und die Fragen, die sich danach viele Menschen stellen, lauten: Wofür so viele Opfer, wofür diese immensen Kosten? Die Taliban sind zurück. Sie halten sich nun für unbesiegbar. Die Menschen in Afghanistan sind wieder einmal die Verlierer. Der amerikanische Präsident Joe Biden sagte in seiner Rede am 16.08.2021 zu den Zielen seines Landes in Afghanistan: „Our mission in Afghanistan was never supposed to have been nation building. It was never supposed to be creating a unified, centralized democracy “(White House 2021).

Zurzeit herrschen in Afghanistan Chaos und Angst. „Alle wissen, dass die Zukunft schrecklich sein wird. Wir haben das Gefühl in einem Dschungel zu leben, nicht zu wissen, wann uns welches wilde Tier angreift. Der Stadt scheint man jede Hoffnung genommen zu haben“, fasst ein ehemaliger Lehrer aus Kabul die Lage seines Landes aus seiner Sicht zusammen.


Literatur

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  1. Schetter verwendet angesichts des großen Einflusses der Warlords in Afghanistan den Begriff des Warlordism.

  2. „Die eigentliche Problematik des „Verkaufs von Sicherheit“ besteht darin, dass ein Markt für Sicherheit existieren muss, sprich dass ein generelles Gefühl der Unsicherheit und Furcht erzeugt bzw. aufrechterhalten werden muss, um die Existenz der Milizen abzusichern. Daher besteht zur Sicherung der eigenen Existenz eine wesentliche Aufgabe der Milizen in willkürlichen Gewaltanwendungen, Erpressungen, Vergewaltigungen, Überfällen, Entführungen und der Unterhaltung von Privatgefängnissen (HRW 2003; ICG 2003a). Denn solange die Einwohner Überfälle von Banditen, befeindeten Nachbarn oder externen Kräften fürchten, werden sie ihre eigene Miliz unterstützen (Schetter 2004: 18).“

  3. König Amanullah nahm indische Politiker, die für eine Befreiung Indiens von der englischen Kolonialherrschaft kämpften, in Kabul auf. Der junge König solidarisierte sich auch mit den Muslimen in Zentralasien, die unter der Besatzung der Roten Armee standen. Sowohl London als auch Moskau wollten König Amanullahs Provokationen nicht hinnehmen (Ahang 2020: 221). Die Engländer konnten durch Bestechungsgelder einige Stammesführer gegen König Amanullah aufbringen. Da König Amanullah seine Frau zum ersten Mal in der Geschichte des Landes ohne Kopftuch zu öffentlichen Veranstaltungen mitnahm, wurde er von einigen einflussreichen religiösen Führern des Landes als gottlos verdammt. Sie riefen zum Aufstand gegen den ungläubigen König auf. Dieser Aufstand wurde von den Engländern mit Waffen und Geld unterstützt und von dem Tajiken Habibullah angeführt. Amanullah flüchtete 1929 nach Italien und starb 1960 in Zürich.

  4. „In den 60er Jahren des 20. Jh. wurde im Zuge der Paschtunisierung Afghanistans immer mehr versucht, die persische Kultur und Geschichte Afghanistans zu entfremden und der paschtunischen Kultur unterzuordnen. So hießen persische Lesebücher bis in die späten 60er Jahre noch ‚Persisch-Lehrbücher‘, wurden dann in ‚Parsi-e Dari-Lehrbücher‘ umbenannt und schließlich nur noch zu ‚Dari-Lehrbücher‘ reduziert“ (vgl. Langwhich o. J.).

  5. „Pakistan ist 1947 in einer blutigen Auseinandersetzung mit Indien entstanden und hat in der Folgezeit in drei Kriegen – 1948, 1962 und 1971 – seine staatliche Identität gegenüber dem als Erbfeind betrachteten großen Nachbarstaat behauptet. Als ungelöstes Problem schwelt bis heute Islamabads Konflikt mit Neu Delhi um die von beiden Seiten zur Gänze beanspruchte, von Pakistan zu einem und von Indien zu zwei Dritteln okkupierte Provinz Kaschmir weiter“ (vgl. Buchta1998).

  6. Der Korruptionswahrnehmungsindex (Corruption Perceptions Index, CPI) ist der weltweit bekannteste Korruptionsindikator. Er wird vom Internationalen Sekretariat von Transparency International erstellt und listet Länder nach dem Grad der in Politik und Verwaltung wahrgenommenen Korruption auf. Der CPI 2020 umfasst 180 Länder. Afghanistan belegte 2020 Platz 165 (vgl. CPI 2020).


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